Dienstag, 8. Mai 2007
Der verwundbare Friede
Es ist Pause, nach über zwei Stunden Busfahrt. Endlich können die Nikotin-Symphatisanten erste Entzugserscheinungen bekämpfen.
Der Himmel ist behangen mit großen, grauen Wolken, die erst langsam, dann aber immer schneller und kraftvoller Regentropfen auf die jungen Pausierenden speien. Die Tropfen wirken wie ein in Szene gesetzter Specialeffekt.

Die Jugendlichen befinden sich irgendwo in Bosnien-Herzegowina zwischen Sarajevo und Mostar. Irgendwo zwischen riesigen Bergen, türkisfarbenen Seen und viereckigen roten Schildern, auf denen neben einem weißen Totenkopf die Schriftzeile: „Paci Mine!“ zu sehen ist.


Minenwarnschilder säumen die Landschaft Bosnien-Herzegowinas

Die Busfahrt geht weiter, der Regen war doch zu stark. Auch für Fikreta, die mit flüchtigen Handbewegungen versucht, ihre blondgefärbten Haare wieder in die gewohnte Ordnung zu bringen. Fikreta ist 18 und kommt aus Tuzla. Sie ist bosnische Muslimin, eine Bosniakin.

Nach Ankunft in Mostar will sie dort ihre Tante besuchen. Fikreta mag die Stadt sehr und schwärmt auf gebrochenen Deutsch von der schönen, elfenbeinfarbigen Brücke, die in fast 20 Metern Höhe die beiden Ufer der Neretva verbindet. Mitten auf der Brücke, erzählt sie, gibt es lebende Touristenattraktionen: Männer, die sich für Geld hinab in die Tiefen stürzen, um für wenige Sekunden zu fliegen und sich dann todesmutig mit einem lauten Klatscher in die Fluten des Flusses verabschieden.
Lange gibt es diese neue Brücke noch nicht. Erst vor einem Jahren wurde sie wiederaufgebaut, nachdem auch sie dem Krieg des ehemaligen Jugoslawiens Mitte der 90er Jahre zum Opfer gefallen war. Nun steht sie wieder, als kleines Zeichen eines Neuanfangs.


Die Brücke "Stari Most" gilt als Wahrzeichen der Stadt Mostar. Vor wenigen Jahren wurde sie wiederaufgebaut.

So wie die alte Brücke musste auch Fikretas Familie schlimme Schäden aus Kriegszeiten davongetragen.
„Mein Vater ist psychisch krank, träumisch, oder wie sagt man auf Deutsch?“ Traumatisch war das Wort, das sie gesucht hatte.
Auf bosnischer Seite musste er als Soldat im Krieg kämpfen.

Zu Beginn der 1990er Jahre fanden im damaligen Jugoslawien freie Wahlen statt, welche außer in Serbien und Montenegro die demokratischen Parteien für sich entscheiden konnten. In Montenegro und Serbien hingegen wurden die alten, kommunistischen Strukturen durch diese Wahlen bestärkt und bestätigt. Zur Folge hatten die Wahlausgänge, dass sich zunächst Slowenien und Kroatien für unabhängig erklärten. Serbien akzeptierte diese Unabhängigkeitserklärung nicht, aus Angst, das bestehende Jugoslawien würde daran zerbrechen. Nachdem sich dann jedoch auch Bosnien-Herzegowina und Mazedonien von der Union lösten, entbrannten grausame Kriege. In Mostar kämpften Kroaten gegen Serben, während Sarajevo über 1400 Tage von serbischen Truppen belagert wurde.

Lebten vorher Bosnier, Kroaten und Serben als Jugoslawen Tür an Tür, so ist das heute nicht mehr vorstellbar. „Man weiß doch gar nicht, ob es nicht dein Nachbar gewesen ist, der deine Mutter im Krieg erschossen hat“, so die Worte des Pressesprechers des deutschen Botschafters, welche das Konfliktpotential erklärbar machen sollen.

„Vor dem Krieg gab es keinen Grund, sich zu hassen. Jetzt gibt es tausende.“ Das ist Muhammeds Sicht der Dinge.
Neben Fikreta und ungefähr 50 anderen Jugendlichen sitzt auch er mit im Reisebus und fungiert dort als Dolmetscher. Einige Jahre während des Jugoslawien-Krieges verbrachte Muhammed in Deutschland, musste jedoch zurück nach Bosnien, weil seine Familie ihr Heimatland nicht endgültig verlassen wollte und konnte. Nun studiert der dunkelhaarige Bosniake in Sarajevo und lebt dort in einem kleinen Appartement.
Was die Sicherheitslage in Bosnien und speziell in Sarajevo betrifft, vertritt Muhammed die Ansicht vieler Einheimischer. Seiner Einschätzung nach
„würden die Konflikte und Unruhen hier wieder ausbrechen, wenn die Eufor-Truppen (European Forces) nicht mehr da wären“.

Misstrauen und Hass herrschen ganz offensichtlich noch immer im Volk. Dabei scheinen die ethnischen Konflikte zehn Jahre nach Kriegsende zumindest auf politischer Ebene geklärt zu sein. Kompromiss und Demokratie, das sind die Zauberworte der bosnisch-herzegowinischen Politik.
Dazu zählt zum Beispiel die dreifache Besetzung des Bürgermeisterpostens der Stadt Sarajevo: Einen Sitz für den bosniakischen, einen für den kroatischen und einen für den serbischen Bevölkerungsanteil, versteht sich. Doch Sein oder Schein, das ist noch die Frage. Denn so blau, wie Samiha Borovac, die muslimische Bürgermeisterin Sarajevos, den Himmel beschreibt, ist er in den Augen der Einwohner offensichtlich nicht.

„Wir vertrauen keinen Politikern. Sie haben nicht recht“, erklärt Fikreta kopfschüttelnd. Die 18-Jährige möchte später im Medienbereich arbeiten. Um Erfahrungen zu sammeln, arbeitet sie seit einigen Wochen bei einem Radiosender. Am meisten interessiert sie der investigative Journalismus.
„Aber damit habe ich hier keine Perspektive“, spielt sie auf die noch immer totgeschwiegene Pressezensur an.
Das ist auch einer der Gründe, wegen derer es sich die junge Muslimin nicht vorstellen kann, in Bosnien zu bleiben. Sie will nach Österreich oder vielleicht nach Italien, wo „ihr Junge“ lebt.
Wie Fikreta auch, ist er Bosniake und stammt aus Srebrenica, einer Stadt im Osten Bosniens, zugehörig der Republik Srpska.

Auch er wollte nicht bleiben, nicht nachdem, was er in seinem Heimatland erleben musste. Sie sucht nach Worten, findet sie aber nicht und wendet sich darauf kurz an eine bosnischsprechende Freundin, die das vermisste Wort auf Englisch übersetzt.
„Mein Freund hasst alle Serben. Und nicht er allein.“

Fikreta beginnt zu erzählen. Von den ganzen Umständen, dem Krieg und von ihrem Freund.
Er war dabei gewesen, als serbische Truppen im Sommer 1995 in Srebrenica einmarschierten, obwohl die Stadt eigentlich vom UN-Sicherheitsrat zur Schutzzone erklärt worden war. Unter den Augen niederländischer UN-Soldaten und ohne deren Eingreifen ermordeten die serbischen Streitkräfte rund 8000 Muslime.
Weitere 30.000 Einwohner der Stadt wurden vertrieben, dazu gehörten auch Fikretas Freund und seine Familie. Der damals siebenjährige Junge flüchtete mit über einhundert Vertriebenen in ein Waldgebiet. Drei Monate verbrachte er dort und kämpfte ums Überleben.

Bis heute sind etliche Leichen noch nicht identifiziert, viele Menschen gelten noch immer als vermisst. Aus diesem Grunde wurde eine Kampagne gestartet: Plakate mit der Aufschrift „Srebrenica“ und einer Abbildung eines Kleidungsstücks oder eines anderen Gegenstands sind in Sarajevos Innenstadt und in anderen größeren bosnischen Städten an allen Ecken angebracht. Was es damit auf sich hat? „Das sind Dinge die dort gefunden wurden. Wenn eine Mutter auf einem Plakat die Jacke vom Sohn sieht, kann sie ihn bestimmen.“
Fikreta hört auf zu erzählen. Sie schaut aus dem Fenster und deutet auf einen Zug, der sich - eine Dampfwolke hinterherziehend - seinen Weg durch die Berglandschaft bahnt.
Dann fügt sie noch einen Satz hinzu. Er klingt ein wenig entschuldigend und vielleicht auch ein bisschen verunsichert und ist doch so entscheidend:
„Aber für mich ist es egal, aus welchem Land jemand kommt, auch wenn es Serbien oder Slowenien oder ein anderes Land ist.“

Erst wenn sich diese Auffassung verbreitet und nicht Hass sondern Toleranz den Alltag Bosnien-Herzegowinas bestimmt, hat das Land eine echte, positive Zukunftschance, für die es sich zu kämpfen lohnt. Um es mit den Worten des Schriftstellers Erich Fried auszudrücken:
„Solange nicht der Untergang der Menschheit hundertprozentig feststeht, lohnt es sich, dagegen zu arbeiten.“

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