Dienstag, 8. Mai 2007
„Hyper-Haifa“
Marie-Luise Kindler lebte erst in Gräfenhainichen, jetzt in Israel

Viele haben ihn, doch nur Wenige erfüllen ihn sich: den Traum vom leben in einem anderen Land. Wen reizt es nicht, weit weg von der Heimat andere Kulturen, Menschen und Sprachen kennen zu lernen, sich in Abenteuer zu stürzen und auf eigene Faust alles ganz, ganz anders zu machen?! Leider bleiben Vorstellungen wie diese oft nur Traumgebilde. Organisatorische und finanzielle Hürden halten die Meisten ab und lassen sie stolpern.
Auch Marie-Luise Kindler kennt ihn, den Traum vom Ausland. Auch sie wollte Deutschland, besonders ihren Wohnort Gräfenhainichen hinter sich lassen und nach dem Abitur erstmal etwas vollkommen anderes machen. „Ich sehnte mich nach einer Auszeit und hatte außer-dem riesiges Fernweh“, versucht sie ihren damaligen Seelenzustand zu erklären.
Schon lange schlummerte dieser Wunsch in ihr, doch so richtig ernst genommen hatte sie ihn selber nicht: „Ich kam mir bei dem Gedanken ins Ausland zu gehen, furchtbar lächerlich vor und dachte, dass so was viel zu schwer zu realisieren wäre“, erinnert sich die 21-Jährige. Doch wie ein altes Sprichwort besagt: Man wächst mit seinen Aufgaben. So auch Marie-Luise.
Wer heute die junge Frau sucht, hat keine Chance mehr, sie in Gräfenhainichen zu finden. Wer sie sucht, muss sich auf einen vierstündigen Flug, hinweg über Länder wie Serbien, Grie-chenland und den Irak einstellen. Dann erst ist Marie-Luises momentane Wahlheimat er-reicht. Das Flugzeug landet in Tel Aviv. Mit dem Bus geht es weiter in Richtung Norden. Nach über einer Stunde hält der Bus in einer israelischen Hafenstadt. Haifa ist erreicht.
Genau dort lebt und arbeitet Marie-Luise seit September des letzten Jahres. Sie hat es ge-schafft, ihren Auslandstraum Realität werden zu lassen.
Wie aber kommt eine Abiturientin aus Gräfenhainichen auf die Idee, ein Jahr in Haifa verbrin-gen zu wollen? „Der Stein kam durch ein dreiwöchiges deutsch-israelisches Sommerlager, ins Rollen. Israel hatte mich gepackt und ich konnte einfach nichts dagegen tun. Auf dem Beit Ruhenberg in Haifa fasste ich damals im Sommer 2004 den Entschluss. Ich wusste: Ich will für ein Jahr weg. Ins Ausland. Nach Israel.“


Blick über die Hafenstadt Haifa. Am anderen Ufer beginnt der Libanon.

Multinationale Sommerlager werden jährlich von Freiwilligenorganisationen veranstaltet (siehe Infokasten). Die Organisation, für die sich Marie-Luise damals entschied und die ihr nun ihren einjährigen Israel-Aufenthalt ermöglicht, nennt sich „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ (ASF). ASF begreift sich als ein Verband, der durch Jugendarbeit aktiv gegen das Vergessen der nationalsozialistischen Verbrechen vorgeht.
In den ersten Monaten ihrer Arbeit in Haifa war Marie-Luise in zwei verschiedenen Projekten beschäftigt. Eines davon, das Beit HaGefen, ist ein jüdisch/arabisches Kulturzentrum, das sich für die Koexistenz und Zusammenführung der beiden großen Religionen und Kulturen einsetzt. „Dort arbeitete ich in der Bibliothek. Die ist dreisprachig, sowohl in der angebotenen Literatur als auch in der Kommunikation untereinander. Das führte dann auch oft zu lustigen Gesprächen, wenn wir Englisch, Hebräisch und Arabisch durcheinander schmissen“, lacht Marie-Luise.
Die andere Arbeitsstelle der Jugendlichen ist das Altenheim Rischonei HaCarmel Dori Korn, wo sie - im Gegensatz zum Beit HaGefen - auch heute noch arbeitet.
„Im Altenheim bin ich für die Betreuung zuständig. Ich gehe mit den Bewohnern einkaufen, spazieren, Kaffeetrinken, wir erzählen uns Witze, spielen und reden viel miteinander“, um-reißt sie ihre dortige Tätigkeit. „Mit der Zeit konnte ich zu einigen Bewohnern eine intensive Beziehung aufbauen und habe viele von ihnen sehr liebgewonnen.“
So zum Beispiel Frau B. , die oft vergisst, dass sie deutsch sprechen kann und sich darum mit ihren Betreuern auf Englisch unterhält. Oder Frau F., die der Altenheim-Champion im Rummikub-Spiel ist. Außerdem, so verrät Marie-Luise, war Frau F. eine der ersten, die sie an ihrer Vergangenheit unter Hitler sowie ihren Erfahrungen in den Konzentrationslagern Auschwitz und Theresienstadt teilhaben ließ. „Viele reden so offen über ihre Erlebnisse, ohne dass wir uns gut und lange kennen. Das hatte ich nicht erwartet“, erklärt Marie-Luise und fügt hinzu: „Gespräche dieser Art sind für mich nach wie vor einzigartig. In solchen Momenten spüre ich die Bedeutsamkeit meines Freiwilligendienstes hier in Israel. Ich begreife es als Geschenk, die Geschichten der Betroffenen anhören zu dürfen.“
Wegen ihrer deutschen Herkunft befürchtete Marie-Luise zunächst, in Israel anders als an-dere behandelt zu werden. „Es ist schwer zu sagen, was ich erwartete. Es erfüllte sich nicht, denn ich wurde ich von überaus positiver Resonanz überrascht. Für keinen der Israelis, die ich kennenlernte, bedeutet mein Deutsch-Sein eine Einschränkung in unserem Umgang mit-einander. Eher im Gegenteil“.

Marie-Luise vor dem ASF-Haus "Beit Pax" in Jerusalem
Marie-Luise vor dem ASF-Haus "Beit Pax" in Jerusalem

Das ist nur einer der Gründe, wegen derer es Marie-Luise in Israel so gut geht. „Nach fünf Monaten konnte ich sagen, dass ich mich in dem Land zu Hause fühle. Nicht in dem Sinne, dass es die Heimat ist, aus der ich komme, sondern dass ich mich hier wohl fühle. Ich mag Haifa sehr“, sagt sie lächelnd.
All dies klingt harmonisch und idyllisch. Doch was ist mit all den Schlagzeilen? Was mit den Selbstmordanschlägen, dem Konflikt mit den Palästinensern? Das Bild israelischer Städte ist geprägt von Soldatengruppen und sogenannten „Sicherheitsmännern“, die an Bushaltestellen und in Papierkörben nach Sprengsätzen suchen. Sind da nicht automatisch - zumindest un-terschwellig - Angst und Gedanken an Gewaltausbrüche und Terrorismus präsent? „Zu Beginn meiner Zeit in Israel habe ich bei fast jeder Busfahrt an einen Anschlag gedacht. Ich werde ja auch täglich daran erinnert.“ Marie-Luise spielt auf das Mahnmal an, das sich an der Bushaltestelle gegenüber ihrer Wohnungstür befindet. Vor wenigen Jahren ist genau an dieser Stelle ein Linienbus in die Luft gesprengt worden, die meisten Opfer waren Kinder.
„Natürlich ist die Gefahr allgegenwärtig, auch Spannungen im Land und unter den Menschen bekomme ich mit. Trotzdem lebe ich nicht in ständiger Angst“, fasst Marie-Luise nüchtern zusammen.


Das Mahnmal, das an das Selbstmordattentat an einer Bushaltestelle vor wenigen Jahren erinnert.

In diesem Zusammenhang fährt sie fort: „Sogar im Beit HaGefen, wo Toleranz erlernt werden soll, werden vom arabischen Personal Witze über Juden gemacht. Ich frage mich, wie da noch Vorurteile abgebaut werden sollen?!“ Wenn Vorurteile weiter geschürt werden, kann es zu einer Konfliktlösung nicht kommen, davon ist sie überzeugt.

Ende August ist Marie-Luises Arbeit in Haifa für sie beendet. Es geht zurück nach Deutsch-land, wo ein neuer Lebensabschnitt auf sie wartet. Alle Erfahrungen, die Marie-Luise bis da-hin in Israel gemacht haben wird, waren wichtig und richtig, da ist sie sich sicher. Sie selbst hält es mit den Worten Friedrich Nietzsches: „Es gibt auf der ganzen Welt nur einen einzigen Weg, den niemand gehen kann außer dir. Frag nicht, wohin er führt. Geh ihn.“




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INFOKASTEN
Wer selber an einem Freiwilligendienst im Ausland oder an einem multinationalen Sommer-lager interessiert ist, findet hier wertvolle Tipps:

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF)
ASF sendet Freiwillige - in der Regel für ein Jahr - in Länder, die besonders stark unter dem Nationalsozialismus zu leiden hatten. Dort werden die Jugendlichen in Projekten eingesetzt, in denen sie mit älteren und/oder behinderten Menschen arbeiten, sozial Benachteiligte betreuen oder in Museen und Gedenkstätten arbeiten. Dieses Freiwillige Soziale Jahr wird als Zivildienst anerkannt. Auch bietet ASF von Juni bis August mehrwöchige Sommerlager in Ländern wie Israel, Russland oder der Frankreich an, in denen Jugendlichen die Möglichkeit gegeben wird, interkulturelle und interreligiöse Begegnungen zu machen. Wer also noch kei-nen Plan für die Sommerferien hat, kann auf der Homepage vorbeischauen: www.asf-ev.de
www.asf-ev.de

Eirene
Eirene ist Griechisch und heißt Frieden. Diese Organisation versteht sich als ein ökumeni-scher, internationaler Friedens- und Entwicklungsdienst, der eine Vielzahl sozialer Projekte fördert. Für ein bis anderthalb Jahren arbeiten die Freiwilligen in Ländern wie Brasilien, Bolo-vien, Bosnien, Nicaragua, oder den USA um Entwicklungshilfe zu leisten und das Verständnis verschiedener Kulturen und Menschen untereinander zu fördern.
Interesse? Dann surft auf die Website www.eirene.org

Internationale Jugendgemeinschaftsdienste (IJDG)
IJGD ist ein gemeinnütziger Verein, der sowohl ein- bis anderthalbjährige Freiwilligendienste als auch Workcamps organisiert. Besonders hinsichtlich der meist dreiwöchigen Workcamps bietet IJGD viele Möglichkeiten. Hierbei findet die Arbeit in Renovierungsprojekten, im Wald- und Umweltschutz, in kulturellen Projekten oder in sozialen Diensten statt. Projektländern sind u.a. Japan, Island, Korea, die USA, Russland oder die Ukraine.
Weitere Informationen unter www.ijgd.de

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